Der Fehler des Peter S. Beagle

»Wenn die Menschen nicht mehr erkennen, was sie erblicken […]«

Peter Soyer Beagle ist ein US-amerikanischer Schriftsteller, der mit einem einzigen Buch weltweite Bekanntheit erreichte. Ein Buch, das neben den Erlebnissen der Titelfigur unbestreitbar beschreibt, dass Menschen getäuscht werden wollen. Sie sehen hin, aber sie wollen nicht erkennen. Sie weigern sich zu erkennen und bald können sie nicht mehr erkennen.
Sie glauben an die Lüge. Der Lüge, die ihnen Tag für Tag verkauft wird, vertrauen sie. Und sie glauben sie gerne. Gierig saugen sie die Lüge in sich auf wie ein trockener Schwamm, auf den ein Tropfen Wasser fällt.
Und die Realität verschwimmt, wird unscharf und verschwindet schließlich und mit ihr das, was den Menschen menschlich macht. Die Täuschung ist schön, sie ist schmackhaft und tut nicht weh, aber sie zerstört. Sie zerstört die Realität, sie zerstört die menschliche Seele.
Und bald sieht der Betrachter, der durch die Fenster zur Seele sieht, nur noch sein eigenes Spiegelbild.
Im Jahre 1968 veröffentlichte Peter S. Beagle einen Roman mit dem Titel

Das letzte Einhorn

Einhörner. Einhörner sind Kreaturen, die der moderne Mensch, der die Lüge glaubt und die Realität nicht fassen will, sich weigert zu fassen, nicht fassen kann, ins Reich der Märchen verbannt hat.
Wie kommt es, dass das Einhorn die Welt der Märchen bevölkert?
War es Lewis, der erzählt, dass Narnia unter anderem von Einhörnern bevölkert wird?
War es Funke, die in ihrer Tintenwelt ein Einhorn auftauchen lässt.
Eine der ältesten Erwähnungen, haben uns die Gebrüder Grimm näher gebracht. „Das tapfere Schneiderlein“ muss, damit es um die Hand der Prinzessin anhalten darf, unter anderem ein Einhorn zähmen. In diesem Märchen wird die Kreatur zwar nicht genau beschrieben, aber das Einhorn wird uns als wilde Bestie vorgestellt und obwohl – oder gerade weil – „Grimms Märchen“ auf dem Einband des Buches steht und der Mensch die Lüge glaubt, gestatten wir es dem Einhorn nicht, das Reich der Märchen zu verlassen. Lewis, Rowling, Funke und Heitz sind nur einige derer, die den Grimms geglaubt haben und auf deren Lüge, die sie sich nicht einmal selbst ausgedacht haben, aufgebaut haben.
Dann kam Peter S. Beagle. Er hatte die Chance, das Einhorn aus seinem Gefängnis zu befreien und er hat es versucht. Aber er hat einen bedeutenden Fehler gemacht.

In „Das letzte Einhorn“ erklärt Beagle, warum Einhörner – da sie doch existieren – nicht von Menschen gesehen werden.

»Brrr, bleib doch stehen!« Der Mann hatte ein schwitzendes, verschmiertes Gesicht und war außer Atem. »Hübsche«, keuchte er, »hübsche kleine Stute!«
»Stute?« Das Einhorn stieß das Wort so schrill hervor, dass der Mann seine Verfolgung aufgab und sich die Ohren zuhielt. »Stute!« rief das Einhorn. »Ein Pferd soll ich sein? Seh ich so aus? Glaubst du das wirklich?«
»Gutes Pferd«, schnaufte der dicke Mann. Er lehnte sich an den Zaun und wischte sich das Gesicht ab. »Ich werde dich striegeln und rausputzen, wirst weit und breit das schönste Pferdchen sein.« Er holte wieder mit dem Gürtel aus. »Und dann verkauf ich dich. Komm nur her, Pferd.«
»Ein Pferd wolltest du also fangen, ein Pferd!«, sagte das Einhorn. »Eine weiße Stute mit der Mähne voller Kletten!«
Als der Mann heranschlich, stieß es sein Horn durch den Gürtel, riss ihn aus seinen Händen und schleuderte ihn über die Straße hinweg in ein Büschel Gänseblümchen. »Ein Pferd bin ich?«, schnaubte es. »Ein Pferd!«
(„Das letzte Einhorn“, Peter S. Beagle, Kapitel 1)

Als das Einhorn in Beagles Roman sich auf den Weg macht, die anderen Einhörner zu finden, wird es von allen Menschen, die es sehen, für ein Pferd gehalten.

  1. »Seht! Dort läuft ein wahres Pferd!«
    („Das letzte Einhorn“, Peter S. Beagle, Kapitel 1)
  2. »Das ist ein Araber.«
    („Das letzte Einhorn“, Peter S. Beagle, Kapitel 1)
  3. »Was siehst du?«, fragte das alte Weib den kleinen Mann. »Rukh, was liegt dort?«
    »Toter Gaul«, antwortete er. […] Dann fragte sie den anderen Mann: »Und du, Zauberer, Magier, Wundertäter, was siehst du mit deinem Seherauge?«
    […]
    »Ein Pferd«, murmelte er. »Eine weiße Stute.«
    […]
    »Es ist also eine weiße Stute.«
    („Das letzte Einhorn“, Peter S. Beagle, Kapitel 1)

Menschen, die nicht an Einhörner glauben, sehen in Beagles Roman ein weißes Pferd, eine weiße Stute, wenn sie vor einem Einhorn stehen.
Dabei weiß Beagle es doch besser. Er müsste es besser wissen? Wie kommt es, dass die Menschen ein Pferd sehen, wo doch das Einhorn nur wenige Seiten vorher als ganz und gar nicht pferdeartig beschrieben wird?

Das Einhorn […] hatte keine Ähnlichkeit mit einem gehörnten Pferd, wie Einhörner gewöhnlich dargestellt werden; es war kleiner und hatte gespaltene Hufe und besaß jene ungezähmte, uralte Anmut, die sich bei Rehen nur in schüchterner Nachahmung findet und bei Ziegen in tanzendem Possenspiel. Sein Hals war lang und schlank, wodurch sein Kopf kleiner aussah, als er in Wirklichkeit war, und die Mähne, die fast bis zur Mitte des Rückens floss, war so weich wie Löwenzahnflaum und so fein wie Federwolken. Das Einhorn hatte spitze Ohren und dünne Beine und an den Fesseln Gefieder aus weißem Haar. Das lange Horn über seinen Augen leuchtete selbst in tiefster Nacht muschelfarben und milchig.
(„Das letzte Einhorn“, Peter S. Beagle, Kapitel 1)

 

Löwenschweif, Rehläufe, Ziegenhufe, die Mähne kalt und fein wie Schaum auf der Hand, das ausglühende Horn, die Augen, oh, die Augen!
(„Das letzte Einhorn“, Peter S. Beagle, Kapitel 8)

Beagles Einhorn hat keine Ähnlichkeit mit einem gehörnten Pferd. Es hat Rehläufe, gespaltene Hufe, Ziegenhufe und besitzt eine Anmut, die sich in ähnlicher Art nur bei Rehen und Ziegen findet.
Und doch sehen die Menschen ein Pferd, wenn sie vor einem Einhorn stehen.

Das ist es; das ist der Fehler! Dieser Fehler von Beagle selbst, war es, der das Einhorn in das Reich der Märchen verbannte.

Wie oft standen wir schon vor Pferden, vor weißen, wunderschönen Stuten und haben uns gewünscht, vorgestellt und waren bereit, wahrhaftig daran zu glauben, dass Einhörner existieren, und doch entdeckten wir auf der Stirn des Tieres, das wir uns angesehen haben, nie ein Horn. Die Kreatur, der wir gegenüber standen, blieb ein Pferd. Und so griff die Lüge um sich und wir sperrten das Einhorn in Märchenbücher von Grimm, Lewis, Rowling, Funke und Heitz.

Dabei liegt die Lüge doch auf der Hand. Nicht Pferde müssen wir uns ansehen, wenn wir Einhörner sehen wollen, sondern Rehe. Rehe und Hirsche beispielsweise.

Beagle schreibt, dass die Menschen, die nicht an Einhörner glauben, Pferde sehen, wenn sie ihnen gegenüberstehen. Aber Rehe hätten es sein müssen; Rehe, Hirsche oder gar Ziegen.

Die Verwandtschaft des Einhorns

Es ist ganz offensichtlich. Selbstverständlich sind Einhörner keine gehörnten Pferde, sondern eher Rinder. Sie sind mit den Wiederkäuern verwandt.
Beagle ist der erste, der vorsichtig darauf hin weist. Aber die Anzeichen waren eindeutig und nicht zu übersehen:

I
Das […] Horn

KopfEinhorn über dem Tor zum Scone-Palace in Schottland

Ein gehörntes Haupt findet sich in der Welt der Säugetiere ausschließlich bei Rindern und Wiederkäuern aller Art.
Rinder, Büffel, Bisons, Wisents, Gnus, Ziegen, Schafe, Hirsche, Rehe, Antilopen, Gazellen und Giraffen sind die einzigen Säugetiere, die ein Gehörn auf dem Kopf tragen.

II
Gespaltene Hufe

Das letzte Einhorn
Szene aus „Das letzte Einhorn“, 1982, Arthur Rankin Jr. und Jules Bass,
©ITC Entertainment

Gespaltene Hufe treten in der Säugetierwelt ausschließlich bei Rindern und Wiederkäuern aller Art auf.
Die oben genannten, gehörnten Tiere besitzen zusätzlich zu ihrem Gehörn auch gespaltene Hufe.
Freilich haben Schweine und Kamele auch gespaltene Hufe. Aber schon die Bibel – Levitikus 11 – lehrt uns, dass Schweine und Kamele sich von den anderen Tieren unterscheiden, die gespaltene Hufe haben.

III
Jene […] Anmut, die sich bei Rehen […] findet

Gaius Julius Cäsar beschreibt in seinem „Bello Gallico“, dem Gallischen Krieg, unter anderem auch die gallischen und germanischen Wälder sowie deren Fauna. So berichtet er unter anderem auch von einem Tier, einem Hirsch gleich, welches statt des Geweihs ein einzelnes Horn auf der Stirn trägt, welches sich an der Spitze gabelt. Rehe sind nichts weiter als eine kleinere Hirschart.

IV
Jene […] Anmut, die sich […] findet […] bei Ziegen

Fenster
Einhorn mit Ziegenbart in einem Fenster der Glasgow-Cathedral

Ja, auch Ziegen haben eine gewisse Ähnlichkeit mit Einhörnern. So werden Einhörner häufig mit einem Kinnbart dargestellt. Einem Bart, der dem einer Ziege ganz und gar nicht unähnlich ist. Pferde besitzen so etwas nicht.

V

[…] und noch immer bewegte es sich wie ein Schatten über dem Meer.
(„Das letzte Einhorn“, Peter S. Beagle, Kapitel 1)

Beagle berichtet an dieser Stelle von der Leichtfüßigkeit der Einhörner. Diese Leichtfüßigkeit ist der ältesten Erwähnung von Einhörnern ähnlich, die ich kenne.
– „Das letzte Einhorn“ erschien 20 Jahre vor meiner Geburt
– Lewis‘ „Chroniken von Narnia“, in denen Einhörner auftauchen, erschienen mehr als
30 Jahre vor meiner Geburt
– „Das tapfere Schneiderlein“, ein Märchen in dem ein Einhorn vorkommt, ist immerhin
mindestens 130 Jahre vor meiner Geburt von den Brüdern Grimm veröffentlicht worden

Aber ich rede von einem Bericht von Einhörnern, der noch älter ist. Noch viel älter:
Vor etwa 2.400 Jahren wurde der folgende Satz geschrieben:

„Er [der HERR] lässt hüpfen wie ein Kalb den Libanon, den Sirjon wie ein junges Einhorn.“
(Psalm 29, 6)

Selbst die Bibel – unter anderem das Buch der Psalmen – berichtet von Einhörnern. Jedenfalls verwendete Luther bei seiner Bibelübersetzung ganze sieben Mal das Wort „Einhorn“.

Zugegeben, in neueren Bibelausgaben steht anstelle des Wortes „Einhorn“ „Wildstier“.

Will man die Formulierung „Einhorn“ oder „Einhörner“ in der Bibel finden, muss man in ein Exemplar schauen, dass 1982 verlegt wurde oder älter ist.
„Wildstier“, wie kommt man dazu in neueren Fassungen das Wort „Wildstier“ für „Einhorn“ zu verwenden? Warum nicht Pferd? Warum nicht Esel? Warum muss es ein Stier sein?
Weil der Stier ein gehörntes Haupt hat, gespaltene Hufe hat, wie Rehe und Ziegen ein Wiederkäuer ist und junge Stiere, Kälber, sich leichtfüßig bewegen können, wie Einhörner.

Beagle hat in seinem Roman geschrieben, dass Einhörner von Menschen für Pferde gehalten werden, wenn sie nicht an Einhörner glauben. Und wir, wir Fantasy-Freunde und Realitätsflüchtlinge, wir haben seitdem Pferde betrachtet und uns gefragt, warum wir kein Horn sehen.
Das war Peter S. Beagles bedeutendster Fehler.
Pferde sind zweifellos majestätische, wunderschöne Tiere, aber sie sind nicht der Schlüssel. Bei den Pferden beginnt die Lüge; die Lüge, die wir gerne glauben, die wir gierig in uns aufsagen wie ein trockener Schwamm, auf den ein Tropfen Wasser fällt.
Und die Realität verschwimmt, wird unscharf und verschwindet schließlich und mit ihr das, was den Menschen menschlich macht. Die Täuschung ist schön, sie ist schmackhaft und tut nicht weh, aber sie zerstört. Sie zerstört die Realität, sie zerstört die menschliche Seele.
Und bald sieht der Betrachter, der durch die Fenster zur Seele sieht, nur noch sein eigenes Spiegelbild.

»Doch ihre Augen sind so töricht wie die seinen, wie alle Augen, die nie ein Einhorn erblickten, Augen, die in einem Spiegel nie etwas anderes sahen als sich selbst. Was für ein Trug ist das?«
(König Haggard in „Das letzte Einhorn“, Peter S. Beagle, Kapitel 11)

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